Das perfekte Mittelmaß

„Eine gesunde Balance lebt von einem Ausgleich zwischen sein und tun.“ – Unbekannt

Während meines Studiums in Bremen waren zwei Semester im Ausland verpflichtend. Das eine verbrachte ich in Schweden und rückblickend waren das die besten sechs Monate meines bisherigen Lebens. Die Zeit hat mich so positiv geprägt, dass ich in Coaching-Sitzungen immer von meinem „Schweden-Gefühl“ sprach und nach wie vor, lösen alleine die Gedanken und Erinnerungen an diese Zeit ein warmes Gefühl in mir aus. 

Warum? 

Weil ich in diesen sechs Monaten völlig im Einklang mit mir, den Menschen um mich herum und der Art und Weise war, wie ich meinen Alltag gestaltete. Alles war in Balance, nicht zu viel, nicht zu wenig, sondern genau richtig. Ich lernte nicht so viel, sondern ließ auch mal fünfe gerade sein. Ich war nicht so streng mit meiner Ernährung, sondern aß auch mal zwei Stücke Kuchen – einfach, weil es lecker war. Ich ging zum Sport, wenn ich Lust hatte, ich sagte auch mal Nein zu Verabredungen, wenn mir eher danach war, Zeit mit mir selbst zu verbringen.

Für diesen Gefühlzustand haben die Schweden sogar ein eigenes Wort: Lagom. Es bedeutet so viel wie „genug, angemessen, passend“ und beschreibt das perfekte Mittelmaß, ein gesundes Leben im Gleichgewicht und eine nachhaltige Lebenseinstellung, bei der Freude und Glück durch die kleinen Momente im Alltag entstehen und man sich abkehrt von dem ständigen Streben nach mehr. 

Ich persönlich schaffe es immer besser, meinen Alltag lagom zu gestalten. Ich merke, wenn in mir der Schalter von „Wollen“ auf „Müssen“ umspringt. Was mal ok ist, aber eben nicht ständig. 

Wie ist es bei dir: Lebst du lagom? 

Die kleinen Dinge

Die Welt ist voller kleiner Freuden, die Kunst besteht nur darin, sie zu sehen, ein Auge dafür zu haben.“ – Li Bai

Menschen sind Gewohnheitstiere. Unser Gehirn kann sich sehr schnell an neue Umstände und Gegebenheiten anpassen, denn es ist eine Problemlösemaschine. Gleichzeitig macht es sich das Gehirn gerne so leicht wie möglich, denn es möchte möglichst energieeffizient arbeiten. Gewohnheiten und Routinen, genau wie Denk- und Verhaltensmuster eliminieren Probleme bzw. lassen sie (zunächst) nicht aufkommen. Und ohne, dass wir es wirklich mitbekommen, dirigiert uns unser Autopilot durch die Tage und Wochen. 

Um diese schleierhaften Abläufe zu durchbrechen gibt es verschiedene Methoden und Möglichkeiten. Eine gefällt mir persönlich besonders gut, denn sie hat den erfreulichen Nebeneffekt, dass die allgemeine Grundeinstellung zum Leben positiver wird. Die Rede ist von einem Glückstagebuch

Benötigt werden Papier und ein Stift. Ich nutze einen kleinen Jahrestaschenkalender im A6 Format mit einer Seite pro Tag, ich habe aber auch schon einfache Schreibhefte oder kleine Zettel verwendet. Wer nicht schreiben mag, kann die Übung auch mündlich machen, beispielsweise mit einem Familienmitglied oder dem Partner oder der Partnerin. 

Im Kern geht es darum, drei Dinge zu nennen, die tagsüber ein positives Gefühl ausgelöst haben. Freude, Dankbarkeit, Sicherheit, Gemütlichkeit usw. Eine Freundin nennt das liebevoll „Erdbeeren pflücken“. Wichtig dabei ist nicht nur die Sache an sich zu benennen, sondern auch das Gefühl selbst und sich dieses Gefühl für einen kurzen Moment in Erinnerung zu rufen. Das Schöne dabei ist: Unser Gehirn schüttet alleine durch die Erinnerung an den Moment und das Gefühl erneute Glückshormone aus. 

Wichtig: Routinen stellen sich im Schnitt nach 66 Tagen ein. Das heißt, das Gehirn braucht im Schnitt 66 Tage, um sich an neue Abläufe zu gewöhnen und neue Denkmuster zu etablieren. Ich empfehle dir daher, die Übung mit dem Glückstagebuch mindestens drei Monate beizubehalten. 

Unsere Welt ist voller Wunder, unser Alltag voller kleiner Freuden. Gehe mit wachen Augen durch die Welt, damit du abends drei Dinge für dein Glückstagebuch nennen kannst. 

Spüre, was sich verändert. 

Das innere Kind

Das Unbekannte wird nicht bequemer, indem man davor wegläuft. Das Unbekannte wird bequemer, indem man sich mit ihm bekannt macht.“ – Lena Lamberti

Verhaltensweisen und -muster sind bei jedem Menschen unterschiedlich und äußern sich auf verschiedene Weise. Warum wir uns auf eine bestimmte Art verhalten oder reagieren unterscheidet sich allerdings weniger stark, weil die Grundbedürfnisse von uns Menschen von der Evolution fest biologisch in uns verankert sind.

Eines dieser biologisch verankerten Grundbedürfnisse ist beispielsweise das Bedürfnis nach Bindung. In den ersten Lebensjahren ist ein Kind völlig von seinen engsten Bezugspersonen abhängig. Basierend auf den Bindungen zu diesen Bezugspersonen baut das limbische System in unserem Unterbewusstsein die ersten Bindungsmuster für den weiteren Lebensweg auf. In der Regel finden sich also die Ursachen für bestimmte Verhaltensweisen im Erwachsenenalter in der Kindheit. Oft sind diese Ursachen traumatische Erlebnisse, zum Beispiel durch Scheidung der Eltern oder Misshandlung. Mindestens genauso oft sind es jedoch auch weniger schlimme Erfahrungen, die unser kindliches Gehirn als emotionale Verletzung oder Bedrohung eingestuft und abgespeichert hat. Diese tief verwurzelten Gefühle und Grundannahmen, auf denen nachfolgende Erlebnisse und Erfahrungen wahrgenommen und vom Unterbewusstsein analysiert werden, nennt man in der Psychologie Glaubenssätze.

Da diese Glaubenssätze wie beschrieben meist in der Kindheit wurzeln, führt in der Auflösung von Verhaltensmustern im Grunde kein Weg an der Arbeit mit dem inneren Kind vorbei. Dieses Kind personifiziert unsere Glaubenssätze bzw. unser Unterbewusstsein und es ist wichtig, ihm Gehör zu schenken, es zu trösten und zu beruhigen. Denn, wie erwähnt, Reaktionen im Erwachsenenalter, die uns völlig überzogen und unlogisch erscheinen, sind in der Regel Reaktionen auf Erfahrungen aus der Vergangenheit, die das Unterbewusstsein auf die Gegenwart projiziert.

Mit dem inneren Kind in Kontakt zu treten ist gar nicht so leicht. Ich persönlich bin eher durch Zufall darauf gekommen bevor ich mich mit der psychologischen Theorie dahinter beschäftigte. Als ich anfing mich intensiver mit mir auseinander zu setzen und über Kindheitserinnerungen nachzudenken, fiel mir irgendwann auf, dass ich in diesen Überlegungen oft mein altes Kinderzimmer vor Augen hatte.

Das Unterbewusstsein spricht in Bildern zu uns. Und so merkwürdig es klingen mag, aber als ich eines Abends im April 2020 auf dem Sofa saß und grübelte, entschied ich mich, in das Zimmer einzutreten.

Unser Unterbewusstsein

„Rather than being your thoughts and emotions, be the awareness behind them.“ – Eckhart Tolle

Es ist Winter. Die Bäume sind von Raureif überzogen und alles glitzert. Die Welt ist in einen silbrigen Schleier getaucht. Mein Atem bildet kleine weiße Wölkchen, meine Hände stecken in roten Fäustlingen. Meine Mutter schiebt meinen Bruder im Kinderwagen. Wir kommen an ein paar Tennisplätzen vorbei. Alle sind leer, es ist viel zu kalt zum Tennisspielen. Ich will aber trotzdem über den Zaun schauen, also lege ich meine Hände an das Metallrohr, an dem der Maschendrahtzaun befestigt ist. Ich bin vier Jahre alt und unwissend. Ich lecke an dem Rohr. Natürlich bleibt meine Zunge daran kleben und ich fange sofort an zu weinen. Ich habe nie wieder an kalten Metallrohren geleckt. 

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Meine erste bewusste Erinnerung ist ein sehr gutes Bild für die Art und Weise wie der Mensch, oder viel mehr das menschliche Gehirn, lernt: durch Erfahrung. So wie mit dem Metallrohr im Winter, verfährt das Gehirn mit allen Erfahrungen und Erlebnissen, die wir im Laufe unseres Lebens machen. Neue Eindrücke werden abgespeichert und mit bestimmten Gefühlen verbunden. Negative Erfahrungen will unser Gehirn fortan vermeiden, positive heißt es willkommen. 

Das Unterbewusstsein ist der Teil unseres Gehirns, der den Großteil unseres Organismus steuert. Eine wesentliche Rolle spielt das limbische System, das unter anderem das vegetative Nervensystem, also die Abläufe im Körper, die man nicht willentlich beeinflussen kann, wie zum Beispiel Herzschlag und Verdauung, steuert. Ebenso steuert es unsere gefühlsmäßigen Reaktionen auf Umweltreize und sortiert dabei nach Empfindungen wie Liebe, Angst oder Hass. Grundlegend ist es darauf programmiert, uns am Leben zu halten. 

Eine Besonderheit des limbischen Systems ist, dass es reflexartig und unmittelbar reagiert. Es kann nicht mit dem Verstand, dem Bewusstsein, in der Fachsprache Neocortex genannt, beeinflusst werden. Um diese automatischen Reaktionen zu ermöglichen, baut sich das Unterbewusstsein vom Zeitpunkt unserer Geburt an ein Netz aus Mustern auf, das fortan unser Verhalten bestimmt. Bei jeder neuen Sinneswahrnehmung wird geprüft, ob bereits eine passende Verhaltensvorlage vorhanden ist. Das Unterbewusstsein erkennt bei neuen Situationen Ähnlichkeiten zum ursprünglichen Erlebnis und greift auf das Verhaltensmuster zurück – obwohl das Verhalten für die neue Situation vielleicht völlig unangebracht ist. Wir werden getriggert

Das Unterbewusstsein meldet sich meist in Form von Bildern und Gefühlen bei uns. Es erfordert ein wenig Übung, diese Bilder und Gefühle zu verstehen und auch ein wenig Mut, sich in den Dschungel der tief sitzenden Prägungen vorzuwagen

Aber es lohnt sich.