Unser Unterbewusstsein

„Rather than being your thoughts and emotions, be the awareness behind them.“ – Eckhart Tolle

Es ist Winter. Die Bäume sind von Raureif überzogen und alles glitzert. Die Welt ist in einen silbrigen Schleier getaucht. Mein Atem bildet kleine weiße Wölkchen, meine Hände stecken in roten Fäustlingen. Meine Mutter schiebt meinen Bruder im Kinderwagen. Wir kommen an ein paar Tennisplätzen vorbei. Alle sind leer, es ist viel zu kalt zum Tennisspielen. Ich will aber trotzdem über den Zaun schauen, also lege ich meine Hände an das Metallrohr, an dem der Maschendrahtzaun befestigt ist. Ich bin vier Jahre alt und unwissend. Ich lecke an dem Rohr. Natürlich bleibt meine Zunge daran kleben und ich fange sofort an zu weinen. Ich habe nie wieder an kalten Metallrohren geleckt. 

***

Meine erste bewusste Erinnerung ist ein sehr gutes Bild für die Art und Weise wie der Mensch, oder viel mehr das menschliche Gehirn, lernt: durch Erfahrung. So wie mit dem Metallrohr im Winter, verfährt das Gehirn mit allen Erfahrungen und Erlebnissen, die wir im Laufe unseres Lebens machen. Neue Eindrücke werden abgespeichert und mit bestimmten Gefühlen verbunden. Negative Erfahrungen will unser Gehirn fortan vermeiden, positive heißt es willkommen. 

Das Unterbewusstsein ist der Teil unseres Gehirns, der den Großteil unseres Organismus steuert. Eine wesentliche Rolle spielt das limbische System, das unter anderem das vegetative Nervensystem, also die Abläufe im Körper, die man nicht willentlich beeinflussen kann, wie zum Beispiel Herzschlag und Verdauung, steuert. Ebenso steuert es unsere gefühlsmäßigen Reaktionen auf Umweltreize und sortiert dabei nach Empfindungen wie Liebe, Angst oder Hass. Grundlegend ist es darauf programmiert, uns am Leben zu halten. 

Eine Besonderheit des limbischen Systems ist, dass es reflexartig und unmittelbar reagiert. Es kann nicht mit dem Verstand, dem Bewusstsein, in der Fachsprache Neocortex genannt, beeinflusst werden. Um diese automatischen Reaktionen zu ermöglichen, baut sich das Unterbewusstsein vom Zeitpunkt unserer Geburt an ein Netz aus Mustern auf, das fortan unser Verhalten bestimmt. Bei jeder neuen Sinneswahrnehmung wird geprüft, ob bereits eine passende Verhaltensvorlage vorhanden ist. Das Unterbewusstsein erkennt bei neuen Situationen Ähnlichkeiten zum ursprünglichen Erlebnis und greift auf das Verhaltensmuster zurück – obwohl das Verhalten für die neue Situation vielleicht völlig unangebracht ist. Wir werden getriggert

Das Unterbewusstsein meldet sich meist in Form von Bildern und Gefühlen bei uns. Es erfordert ein wenig Übung, diese Bilder und Gefühle zu verstehen und auch ein wenig Mut, sich in den Dschungel der tief sitzenden Prägungen vorzuwagen

Aber es lohnt sich. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert